Die unterschätzte Gefahr

Mit einer Mischung aus Stolz und ängstlicher Spannung im Gesicht, steht die gesamte Kreation im Kreis um die fertigen Layouts herum und betrachtet ihr „Baby“. Alle sind sich sicher, es ist ein gutes Kind. Sämtliche Erwartungen erfüllt es zu einhundert Prozent. Die Vorgaben des Briefings wurden sogar noch getoppt. Jene berüchtigte KISS-Formel (keep it stupid and simple) könnte mit diesem Schulbeispiel auf Vortragsreise gehen. Und dennoch: Angstschweiß liegt in der Luft.

Wann oder warum es geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückverfolgen; aber an irgendeinem Punkt scheint der Kunde vom Geist der Verunsicherung heimgesucht worden zu sein. Jenem unsäglichen, Mut schlürfenden Monstrum, das sich besonders gern in Marketing-Abteilungen versteckt hält. Dort lauert es zwischen den künstlichen Gummibäumen der Großraumbüros und späht sein nächstes Opfer aus.

Es hat einen siebten Sinn für jene Manager, die gerade im Begriff sind, sich etwas trauen zu wollen. Bei ihnen schlägt es zu. Behände wie eine Raubkatze springt es aus seinem Versteck heraus, schlägt seine Klauen in die Schultermuskulatur des Opfers, um anschließend den Stachel des Zweifels tief in dessen Nacken zu stoßen. Dann pumpt es sein Optimismus zerfressendes Gift in den Köper und labt sich an der aufsteigenden Unsicherheit.
Die betroffenen Manager merken davon nicht viel. Ein Ziehen, Spannungsgefühl im Nacken und wiederholte Gedanken um die Sicherheit des eigenen Jobs sind die ersten Anzeichen. Sie werden viel zu häufig missdeutet. Und so kommen Gegenmaßnahmen meist zu spät. Linderung suchen die Infizierten vorwiegend im Empirischen. Instinktiv versuchen sie, das durch das Gift hervorgerufene Missverhältnis auszugleichen. Sie brauchen jetzt eine viel höhere Dosis Sicherheit. Die finden sie in der Marktforschung. Deren Methoden sind umstritten, scheinen aber im Fall der betroffenen Manager das bislang einzig bekannte Heilmittel zu sein.
Mit großflächigen, scharfen Schnitten glättet die Marktforschung jede Kampagne und stärkt auf diese Weise die geschwächte Sicherheit des Managers. Der erholt sich nach diesem Eingriff erstaunlich schnell. Nebenwirkung dieser Methode ist allerdings eine lebenslange Abhängigkeit des behandelten Managers von der Marktforschung.

Noch immer steht die gesamte Kreation im Kreis um die fertigen Layouts herum und betrachtet ihr „Baby“.
Keiner hat es gesehen. Niemand vermag wirklich zu sagen, ob es geschehen ist. Aber unser Lieblingskunde meinte, dass unser „Baby“ jetzt auch mal zur Marktforschung sollte.

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