Freitagstexter: Dranbleiben!

Die Würfel sind gefallen. Sympatexter hat den neuen Freitagstexter erkoren: Gewonnen hat Donavone mit seinem Beitrag „Arme am Boden: Nach dem letzten Hemd geht’s nun auch an die Hose.“ Wir sehen uns ab morgen zum ehrlichen Wettkampf auf DonsTag. Wenigstens etwas, auf dass ich mich morgen freuen kann. Das freitägliche Wochenmeeting in der Agentur reicht noch nicht aus, mir die Glückstränen in die Augen zu treiben.

Alle Jahre wieder

Jedes Jahr ab Anfang August tropfen Schweißperlen von meiner Stirn, wenn ich nur die Agenturklinke in die Hand nehme. Auf meinen Katzensöhlchen schleiche ich mich in mein Büro, grüße nicht, vermeide es zu atmen und versuche alles, unsichtbar zu bleiben. Hilft’s? Nein, natürlich nicht. Unzweifelhaft ereilt mich der Ruf …

Die Tür zu den Räumen der Geschäftsführung erscheint mir wie Rodins Höllentor. Ich trete ein, Bilder aus meinem Leben gleiten an meinem inneren Auge vorbei, ich schließe ab mit allem, was mir geschah, und bedauere, dass ich mich nicht von meinen Lieben verabschiedet habe.

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»Hören Sie mal!«

Ich liebe Funkspots. Nur auf einen menschlichen Sinn zu zielen und damit Impulse auszulösen, hat schon etwas hochgradig Herausforderndes.
Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich selbst ein auditiver Mensch bin. Gehörtes bleibt mir wesentlich besser im Gedächtnis als Gesehenes. Zudem hat es seinen speziellen Reiz, innerhalb einer sehr knapp bemessenen zeitlichen Grenze, eine Story mit merkfähigem und merkwürdigem Charakter zu entwickeln und im Idealfall Figuren zu etablieren, die ihr ganz eigenes Leben in den Lautsprechern führen. Kurz und gut, Funkspots sind meine große kleine Leidenschaft, meine Oase in der Alltagswüste, der Toberaum des großen Jungen, das Zitronencreme-Bällchen auf dem Kosakenzipfel.
Darüber hinaus gehören Funkspots zu den effektivsten Werbeformen und sind im Vergleich unschlagbar günstig; vor allem vor dem Hintergrund diverser Kooperationsformen, die heutzutage von Radiosendern angeboten werden. Dennoch fristet der Kurzfilm des Kopfkinos ein Schattendasein im Garten des Werbeformen Repertoires. Umso mehr freut es mich, wenn sich einer unserer Lieblingskunden dazu durchringen kann, mit uns den Weg in ein Tonstudio zu beschreiten und einen Funkspot produzieren lassen will.

Da jubelt die Schreiberseele. Doch im gleichen Augenblick wird ihr der Knebel tief in den Rachen gedrückt; das Ideal wird von vornherein beschnitten. Der Lieblingskunde denkt an einen 20-Sekünder. Na gut, das Gelbe vom Ei wären schon eher die 30’’, aber auch mit zehn Sekunden weniger, lässt sich noch viel machen. Hingegen macht die Mater, die vom Kunden als Messlatte vorgegeben wird, Mut und Lust auf mehr. Als Benchmark nennt er einen Imagespot für einen Regenschirmhersteller, dessen Name an einen kleinen Jungen erinnert. Zu hören sind zunächst die ersten Takte von Gene Kellys „Singing in the rain“. Dann beginnt Mr. Kelly zu singen »I’m singing in the …« KLICK – das leise und typische Geräusch dieses sich auf Knopfdruck aufspannenden Regenschirms lässt den Titel und Mr. Kelly verstummen. Der Off-Sprecher sagt dann nur noch den Namen des Herstellers. MEHR NICHT. Das ist mein Spot. Simpel, schnell, auf den Punkt, mit wenig Erklärungsgelaber. Dass dieser Spot augenscheinlich für den Wettbewerb geschrieben wurde, bei dem er natürlich auch punktete, und danach nie wieder im Werbeblock eines Senders gelaufen ist, thematisieren wir jetzt lieber nicht. Seien wir einfach froh über den seltenen Umstand, dass der Lieblingskunde etwas Feines haben möchte und machen uns ans Werk.
Vier Tage und acht Spotideen später, sehen wir uns in kleiner Runde wieder.

»Vielleicht lese ich ihn einfach noch mal vor!«, versuche ich den Lieblingsspot der Agentur zu retten, der auf der anderen Seite aber auch so überhaupt gar nicht ankommt und verstanden wird. Da dies jedoch auf Ablehnung stößt, wir alle gute Dienstleister sind und der Kunde ohnehin die Alternativen bevorzugt, verschwindet eine weitere schöne Idee in den Weiten der Ablage „P“. Doch kein Grund zur Traurigkeit. Schließlich mochte der Lieblingskunde ja die Alternative. Das ist doch was. Wir machen den Funkspot. Juchhu. Allerdings, so das Gegenüber mit dem Gesicht, das danach aussieht, als habe es noch niemals gelacht, gäbe es da noch einige Ergänzungen zu berücksichtigen. Unbedingt müsse die Firmenadresse genannt werden. Und das Ganze wäre doch die Chance, die Öffnungszeiten des Werksverkaufs zu kommunizieren. Es hätte ihn auch gewundert, dass die Wörter „Genuss“ und „Tradition“ nicht vorkommen würden – schließlich wüssten wir um diese Kernbegriffe des Unternehmens. Die müssten also unbedingt noch rein.
Wann genau, kann ich nicht mehr sagen; aber es gab einen Moment, zu dem ich mich aus diesem Gespräch ausgeblendet habe. Ich kehrte erst wieder in meinen Körper zurück, als das Sprachrohr des Lieblingskunden meinte, auf den Einsatz eines professionellen Sprechers könne man verzichten. Frau Dingens aus der Buchhaltung habe eine glockenhelle Stimme. Wie geschaffen fürs Radio. Und so würde man ja auch Geld sparen.
Obwohl ich die Antwort bereits kannte, stellte ich dennoch die Frage, ob die zeitliche Vorgabe von 20’’ sich denn auch nach oben verändern würde? Natürlich nicht, wie konnte ich nur …
Nachdem es tatsächlich gelungen war, alle gewünschten Informationen innerhalb des Zeitrasters unterzubringen, fand die „Produktion“ des 20-Sekünders – Spot kann und will ich ihn nicht nennen – im Heimstudio eines Wochenend-DJs statt. Der Ehemann der Buchhalterin Frau Dingens hatte diesen Kontakt vermittelt. Auf die Anwesenheit eines Agenturmitarbeiters während der Aufnahmen wurde, unter dem Hinweis auf das Kostenargument, gänzlich verzichtet.
Naja, so kann es gehen. Abhaken und weitermachen. Schließlich hat der andere Lieblingskunde gestern seine Absicht bekundet, einen völlig abgedrehten, aufmerksamkeitsstarken und lustigen Funkspot machen zu wollen.
Hm, ich liebe Funkspots.

Dabeisein ist alles

Natürlich hat das Agenturleben auch seine heiteren Momente. Die Kaffeeküchen-Gespräche. Das gemeinsame Lästern über die Großmuftis. Wärme und Behaglichkeit. Auch die Shootings gehören dazu. Schon die Ankündigung eines Termins erhellt die Gemüter. Und zwar querbeet durch alle Fraktionen. Da schallt es über die Flure „Südafrika“ und „Giselle“, wer genau hinhört, vernimmt sogar ein fröhlich dahin gewispertes „Leibowitz“.

Zugegeben, da schwimmen sich Hoffnungen frei. Südafrika ist Herne, Giselle halb Model, halb Hausfrau, eigentlich heißt sie Gisela, und „die Leibowitz“ ist unser Haus-und-Hof-Fotograf. Ist aber alles nicht schlimm. Shooting ist Shooting, und Shooting ist schön. Bis …

Schlaffen Schrittes schlurft der Berater unseres Lieblingskundens und Shooting-Auftraggebers über den Flur, eine gefällte Trauerweide. Mit hohler Stimme flüstert er. Keiner versteht ihn. Dann nimmt er all seine Kraft zusammen: „Der Kunde will mitkommen.“

„Nein!“ Markerschütternd durchhallt der Schrei des betreuenden Art Direktors die Etage. Dann Stille. Nachdem wir dem AD mit dem Defibrillator wieder auf die Beine gebracht haben, öffnen sich seine Heulschleusen. Womit er das verdient hätte, er habe doch gerade erst gebeichtet und seine Sünden seien ihm vergeben worden und er kenne Leute, die das regeln könnten, gegen kleines Taschengeld, es müssten ja keine schlimmen Verletzungen seien, nur gerade so, dass unser Lieblingskunde für ein paar Tage im Krankenhaus liegen müsste, natürlich die richtigen Tage. Wir anderen versuchten, unserer Frustration in der agentürlichen Selbsthilfegruppe Herr zu werden, mit Agenturaufstellung nach Bernd Helling und Schaumstoffschlägern. Außerdem diskutieren wir, ob wir nicht doch dem Vorschlag des ADs folgen sollten. Doch es hilft alles nichts, der Kunde ist mit dabei.

Natürlich kam alles noch schlimmer, als wir befürchteten. Professionell wie eine Spreegurke, mischte sich unser Lieblingskunde in alles ein. Er legte letzte Hand an die Frisur des Models, machte der Visagistin Alternativ-Vorschläge für die Wimperntusche, hatte aus eigenen Schränken das richtige Outfit mitgebracht und dippte die Catering-Brötchen in Knoblauch-Sauce. Unseren Fotografen versuchte er zu überzeugen, dass jede Handykamera einer professionellen Spiegelreflexkamera weit überlegen sei. Er rückte das Model ins richtige Licht und zerbrach dabei nur zwei Scheinwerfer. In der Nacht zuvor hatte er sich noch überlegt, dass die beschlossenen Motive doch nicht die wahren seien. Er hätte einige Skizzen mitgebracht, so sollte man es machen. Der D-Day war kürzer.

Gerade eben überbrachte uns der Berater die Nachricht, der Kunde sei der Meinung, wir hätten das Shooting vergeigt. Alles auf Anfang. Auf unsere Kosten.

TÄ-TÄ-RÄ-TÄ TSCHING BUMM

Die Flasche OPTI fluid hat einen neuen Besitzer; den Gewinner des Freitagstexters. Und es ist:

Sympatexter mit Fettsucht zieht Mikrowellenessen nach sich.

Den nächsten Freitagstexter gibt’s also hier. Herzlichen Glückwunsch.

Ein Dank an alle Teilnehmer fürs Mitmachen.

Zwecks postalischer Zusendung des Gewinns bitte eine kurze Mail mit Adresse an

kai (punkt) mauer (bei) gmail (punkt) com

Meinung aus dem Morgenmantel

Ein auf morgens 7:30 h angesetztes Meeting verheißt, neben einigen seltsam von nur halb verscheuchtem Schlaf entstellten Gesichtern, in der Regel nicht viel Gutes.
Es dauerte auch entsprechend lange, bis ich jemanden fand, der zu wissen glaubte, was der ganze Zirkus zu dieser nachtschlafenden Zeit eigentlich sollte. Von diesem Moment an spielten alle Anwesenden im Konferenzraum stille Post. Wobei es einen Unterschied zum Original gab – am Ende kam genau das an, was vorne rein gegeben wurde.
Und genau das wurde dann auch von höchster Stelle bestätigt, als die Flüsterrunde gerade durch war. Es ging mal wieder um unseren Lieblingskunden. Eigentlich hatten wir in den letzten Monaten nur für ihn gearbeitet. Wenn alle wirklich ehrlich zu sich selbst gewesen wären, hätte man sich sogar darauf geeinigt, dass es im Grunde auch nur ein Projekt war, an dem wir die gesamten Monate gearbeitet hatten.
Da das mit der Ehrlichkeit in unserer Branche jedoch per se so eine Sache ist, wurde also nicht darüber gesprochen, dass inzwischen das dritte Kreativteam an diesem so wichtigen Job gesessen hatte. Welch immens staatstragender Job das ist? Nun, es geht dabei um ein CLP. Ja, ein City-Light-Poster. Ein Motiv. Keine Serie von etwa zwölf an der Zahl. Auch keine deutschlandweit oder gar noch international in den größten Publikumszeitschriften erscheinende Anzeigenserie, sondern ein CLP-Motiv für den Einsatz in Nielsen VII. Na klar ist das wichtig. Jeder Job unseres Lieblingskunden ist wichtig. Genau so wichtig ist aber auch, dass die Jobs vernünftig bezahlt werden. Und daran wurden die Zweifel allmählich immer lauter – wenn man die Kollegen in einer schwachen Stunde beim Bier am Tresen traf.

Aber seit gestern waren wir auf dem richtigen Weg. Das insgesamt neunte CLP-Motiv würde es sein. Da waren sich alle ganz sicher. Bisher hatten zwar alle Motive die Klippe in Person des Marketingchefs genommen, doch dann kamen ja erst die Stromschnellen in dem Unternehmen unseres Lieblingskunden. Da gab es den Vertriebschef, die Produktionsleitung, den Vorstand, selbstverständlich den Inhaber selbst und noch die hauseigene Marktforschung. Irgendwo zwischen ihnen waren die alten Motive alle aufgerieben worden.
Doch unser neuntes Motiv hatte sie alle längst umschifft, mit Bravour gemeistert, souverän hinter sich gelassen, durch Klasse geschlagen. Es gab da lediglich noch den Vorstandsvorsitzenden. Ein Herr mittleren Alters. Pragmatisch. Kalkulierbar. Schnell in seinen Entscheidungen. Gestern Abend hatte er als Letzter das Motiv bekommen. So wie es aussah, war er ein Freund der schnellen Entscheidungen, oder er hatte schlichtweg, wie die meisten von uns, die Nase voll und wollte die ganze Angelegenheit zum Abschluss bringen. Mein Lieblingschef drückte eine Taste des Konferenztelefons in der Mitte des Tisches und begrüßte sein Gegenüber. Wir starrten alle wie gebannt diesen ufogleichen Telefonstern an, aus dem die noch hörbar verschleimte Stimme des Vorstandsvorsitzenden in uns drang. Blabla schönes Motiv, blabla passt zur Marke, blabla intelligente Idee. Das ging runter wie Honigwein. Doch was war das? Hatte er gerade »aber« gesagt? Ja, hatte er. Und es ging noch weiter. »Ich habe dieses Motiv heute Morgen meiner Frau gezeigt, und ihr gefiel es nicht, weil …« KRACK – Voll auf die Klippe gesetzt. Auch das neunte Motiv gesunken. Gescheitert an der Gattin. Hausfrauentests sind so tückisch.

Fickt euch asap ins Knie

Heute platzt der Kragen. Was ich meinen Lieblings-Kontaktern immer schon mal sagen wollte und wovon mich mein Höflichkeit bisher mit Schergengewalt abgehalten hat:

„Ich spüre Euch schon lange, bevor Ihr die Klinke berührt. Mit wachsweichen Pfoten lauft Ihr über Parkett und Teppich, jeder Tapser ein glitschiges Geräusch und vor Euch treibt Ihr eine Duftwelle von zu lange abgehangenem Schleim aus den Schlammwüsten von Mordor. Dann öffnet sich die Tür langsamer als die Sargdeckel internatsgestählter Zombies.

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