Alle Jahre wieder

Jedes Jahr ab Anfang August tropfen Schweißperlen von meiner Stirn, wenn ich nur die Agenturklinke in die Hand nehme. Auf meinen Katzensöhlchen schleiche ich mich in mein Büro, grüße nicht, vermeide es zu atmen und versuche alles, unsichtbar zu bleiben. Hilft’s? Nein, natürlich nicht. Unzweifelhaft ereilt mich der Ruf …

Die Tür zu den Räumen der Geschäftsführung erscheint mir wie Rodins Höllentor. Ich trete ein, Bilder aus meinem Leben gleiten an meinem inneren Auge vorbei, ich schließe ab mit allem, was mir geschah, und bedauere, dass ich mich nicht von meinen Lieben verabschiedet habe.


Da sitzen wir nun vereint, Grafikerin, Texter, ein Berater, die Produktionerin, der Creative Director will auch wissen, was abgeht, und die Herrin des siebten Höllenkreises. „Schön, dass Sie gekommen sind“, eröffnet sie den infernalischen Reigen, „ich habe eine richtig schöne Aufgabe für Sie.“ Unsere Gesichter erstarren in einem Lächeln. „Es ist wieder soweit. Bald ist Weihnachten.“ Die Sonne brennt durchs Oberlicht auf unsere Häupter. „Sie ahnen es schon“, fährt die Geschäftsführerin fort und schüttet heiße Kohlen auf unsere Schöße, „wir brauchen etwas für unsere diesjährige Weihnachtsaktion.“ Das Befürchtete ist eingetreten. Mama, nimm uns zurück, wir wollen das Licht dieser Welt nicht mehr sehen. Mit unheilverheißendem, weißblinkenden Lächeln brieft sie uns. Und wir haben das Gefühl, wir stehen im Mittelpunkt einer der Weissagungen Nostradamus‘.

Die Aufgabenstellung lautet natürlich wie jedes Jahr. Originell soll die Weihnachtsaktion sein, mit der wir unsere Kunden an unsere Existenz erinnern, nie gesehen, bunt, aber mit Geschmack, hochwertig in der Anmutung, aber günstig in der Produktion, es soll die Mundwinkel der Empfänger nach oben zwingen, am besten etwas, das für die Weihnachtstage auf dem Schreibtisch verbleibt, noch besser (ja, diese Steigerung kam wirklich), für immer, es sollte an uns erinnern, eine Telefonnummer würde nicht schaden, spielerisch müsste es sein, aber mit allem Ernst, die einer langfristig ausgerichteten Agentur-Kunden-Beziehung entspräche. Die Chefin richtet sich auf, gleitet zur Tür, die sie mit einer fließenden Handbewegung öffnet, und geleitet uns mit dem Worten „Und beim gemeinsamen Eintüten können wir ja ein bisschen Wein trinken“ in unser Unglück.

Wir alle, die ein gemeinsames Schicksal teilen, eilen erstmal zu unseren Schreibtische, reißen die Schubladen auf und kippen einen großen Schluck Hochprozentigen aus den Flaschen, die wir vorsorglich bereit gelegt haben. Dann beraumen wir das erste Meeting an.

Hunderte von Ideen liegen alsbald auf dem Tisch, von dem neunzig Prozent gleich in den Abfall gehen – „Das haben die schon im letzten Jahr abgeschossen“. Und dann geht der Tanz erst richtig los. Dutzende von Meetings, Scribbles, Textvorschlägen („alles bitte, nur nicht Fröhliche Weihnachten„), Tränen, Selbstmordversuchen, Therapie-Terminen, Falz-Vorschlägen vergehen. Unsere Finger sind schon ganz werbewund, weil wir mehrere Wälder Kataloge mit Geschenkideen geblättert haben. Zeitweise ist das Blut aus unseren Fingerspitzenwunden unsere einzige Nahrung. Ahnt Ihr es schon? Natürlich ahnt Ihr es:

Alles half nichts, wir haben unsere Synapsen umsonst vergeudet. Keine unserer Ideen fand Gnade vor IHREN Augen. Die Zeit rannte, wir fluchten auf Weihnachten, mittlerweile leuchteten schon die Weihnachtslichter auf den Straßen und wir verbrachten unsere Mittagspausen mit Glühwein, Mandeln und Bratwurst. Die hektischen Flecken auf den Wangen der Produktionerin tanzten im Rhythmus von weihnachtlichen Gospel-Songs: „Wir schaffen das nicht mehr, die Druckereien machen das nicht mit, ich verbrenne alle meine Kontakte, Weihnachten fällt auf einen Sonntag und die Post, die haben zu wenig Leute.“

Kurz vor knapp rief uns die GF noch einmal zusammen und dankte für unseren Einsatz. Sie habe sich selbst noch einmal Gedanken gemacht und das Ganze mit einer Freien Artdirectorin umgesetzt, wir seien ja alle so beschäftigt gewesen. Wir hingen an ihren Lippen. Doch da kam nicht. Sie wollte uns einfach nicht verraten, was sie sich ausgedacht hat. Seitdem fürchten wir uns jeden Tag mehr, den Briefkasten zu öffnen, den selbstverständlich bekommen wir alle das, was auch die Kunden bekommen.

So. Und jetzt will ich WEB2.0 sehen. Was waren Eure schlimmsten (gerne auch schönsten, obwohl ich nicht dran glaube) Weihnachtsgeschenke von Agenturen?

Ich mache gerne den Anfang:
ein Brotmesser, dessen Griff wie eine Weihnachtsfrau geformt war (das Geschenk war geschlechterübergreifend).

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Ein Gedanke zu „Alle Jahre wieder

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