Unmoralisch, blutrünstig und geil

Hahnenkampf ist in Deutschland verboten und wird mit strengen Strafen geahndet. Man muss zu einem sehr exklusiven Kreis gehören, wenn man einmal als Publikumsteil in den Genuss kommen möchte. Heute morgen hatte ich das Glück.

Die Geschäftsführung meiner Agentur hat zum „Happening“ geladen. Tatort: der Konfi. Zum Kampfe gereicht wurden Häppchen (seht Ihr den Wortwitz?), Säfte und Cracker. Geschäftig flirteten die Praktikantinnen von Gast zu Gast.

Als ich zu meinem Platz in den Publikumsrängen der Arena ging, waren die Kontrahenten noch nicht auf dem Kampfplatz. Doch wir alle wussten, dass sie in den letzten Jahren auf größte Wut und Hackfreude getrimmt worden sind. Man hielt sie natürlich getrennt, damit sie sich nicht anfreunden konnten. Wenn wir an einem ihrer Büros vorbeikamen, hörten wir die Kampfhähne krähen und fluchen. Ich selbst habe ihr Biotop in den letzten Tagen nicht mehr betreten, das galt als zu gefährlich, und ich mochte mich nicht in die schützende Kämpferkluft werfen.

Endlich, mit viel zu großer Verspätung, betraten die beiden Kampfhähne die Arena und schritten zu ihrer Ausgangsposition. Um der Wahrheit genüge zu tun, einer der Kampfhähne war eher eine Kampfhenne, doch das tat ihrer Gefährlichkeit keinen Abbruch.

Die beiden – ihres Zeichens mein Lieblings-CD (m) und meine Lieblings-CD (f) setzten sich an die gegenüberliegenden Plätze des Konferenztisches (Ellipse). Alle Geräusche verebbten, die Praktikantinnen entflirteten und der Plebs verhielt sich Stille. Ja, auch ich bin ein Plebs.

Die Geschäftsführung verlor einige einführende Worte (die GF verliert immer Worte statt sie zu gewinnen). Dann erhob sich das Abstraktum, streckte beide Hände aus und sprach: „Jetzt zeigt mal, was Ihr Euch für den Pitch ausgedacht habt.“ Und meinte: „Lasst die Spiele beginnen und hackt Euch tot.“

Mein Lieblings-CD schnabelte als erster auf seine Gegnerin ein. Mit eloquenter Handbewegung warf er die Entwürfe auf den Tisch und ließ sie für sich selbst sprechen. Aus ihrer Wange spritzte das Blut. Doch sie ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und schmiss dasselbe auf den Tisch. Die Farbenpracht der Ideen blendete den Creative Director, seine Iris riss und er schwankte. Doch dann hatte er sich wieder gefangen und brachte Idee Nr. 2 auf den Tisch. Ein geschickter Schachzug, eine elegante Typo-Kampagne, deren Impact auch der Augenschleim auf dem Key Visual nicht abschwächen konnte. Schwer getroffen von diesem Schlag, schwappte das Hirn der Creative Direktorin in ihrem Haupt hin und her. Tschüss, Gehirnzellen. Doch wer weiß, ob sie die in einigen Momenten überhaupt noch brauchen würde. Doch ihren Geist zusammenraffend griff sie zur Präsentationsmappe, öffnete sie, dann schaute sie triumphierend in die elliptische Runde, ihre Hand umfasste einen Dummy, graziös ließ sie die Mappe fallen, in ihren Händen blieb dieser Dummy, dieses Wunderwerk der Kreation. Uns blieb der Mund stehen und der CD biss sich die Zunge ab. Langsam ging sie mit ihrer Gestalt gewordenen Idee in die Richtung des Creative Directors und hieb ihm ihre Krallen in die Weichteile. Wir anderen wischten uns müde die blutig gefleckten Gesichter. Er torkelte zurück, gegen die Wand, sank, sank ein wenig tiefer und zog dabei, ganz als ob es Zufall wäre, ein Tuch vom Flipchart. Und da war sie. Die kreative Idee, mit der wir den Kunden für uns gewinnen konnten. Brillant. Konzis. Präzis. Mitreißend. Unterhaltsam. Dabei nicht unkritisch. Kein Zweifel. Wir wussten nun, womit wir in den Kriegspitch ziehen würde. Alles, was die CD (f) jemals geschaffen hat: Staub. Und sie selbst: Geschichte. Im Bewusstsein seines absoluten Sieges richtete der CD sich wieder auf, ging zur gestürzten Kontrahentin, er riss ihr mit dem Schnabel die Bauchhöhle auf und die Leber heraus. All wir anderen im Blutrausch stürzten hin und labten uns am Lebenssaft, während die CD verblutete. Wenig später kehrten die Praktikantinnen die Überreste heraus.

Hahnenkampf

Müssen die beiden immer bis aufs Blut diskutieren, wenn die Agentur einen Pitch gewinnen will?

Der neue Freitagstexter oder Wer spricht fotofinnisch?

Am Ende stand ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Marions Spionage-Thriller, Veras Erotikfilm und Sympatexters Serienkiller-Dokumentation. Ich mache mir im stillen Kämmerchen Gedanken darüber, warum die Frauen bei diesem Freitagstexter-Wettbewerb so gut abschnitten, und küre nach Zieleinlaufsphotoanalyse Vera Chimscholli zur Siegerin. Für alle anderen gibt es mentalen Zuspruch und virtuelle Trostkekse.

Rechte und Pflichten: Vera darf bald ihren ihren Siegerpreis in Empfang nehmen und muss mit Vergnügen den nächsten Freitagstexter ausrichten. Ab Freitag auf der, die oder das Textblog!

Die Sache mit dem Dreh

Das Telefon läutete. Schon am Klingeln erkannte ich, wer dran war.
Die Stimme meines Lieblings-CDs ertönte am anderen Ende. Fahrig wie selten suchte er nach Worten. Nachdem ich den Kauderwelschen Knoten entwirrt hatte, ahnte ich so ungefähr, was er wollte, und machte mich mit Block und Druckbleistift gewappnet auf den Weg in sein Glasbüro. Dort saß er hinter seinem Designerschreibtisch, auf dessen planpolierter Oberfläche das B&O-Telefon sowie ein MacBook Pro die einzigen Erhebungen darstellten.
Die Manschettenknöpfe an seinem Ralph Lauren Hemd gaben unrhythmisch den Takt seiner inneren Unruhe auf der Tischplatte wieder; er musste etwas Großes im Hirn wälzen. Mal hören, was es war. „Ich brauche Dich“, begann er seinen Monolog. Für eine Liebeserklärung zu wenig, als Einstieg in ein Briefing doch recht bauchpinselnd. Was sollte da noch kommen. Im Grunde hätte der Tag so enden können – ab nach Hause ins Bett und mit einem wohligen Gefühl im Bauch einschlafen. Doch er fuhr fort mit seinem Selbstgespräch über „Die Aufgabe“, welche auf ihn, respektive uns, also mich, zu kam.
Gerade eine Stunde war es her, dass ihn unser Bierkunde (Jeder sollte einen haben. Schließlich machen Brauereien Agenturen doch erst zu Agenturen, nicht wahr?!) angerufen hatte, um die frohe Botschaft zu verkünden. Man konnte sich endlich durchringen und wollte in die Königsdisziplin der klassischen Werbung einsteigen: Alle Signale standen auf Grün für den TV-Spot. Ähnlich dem pawlowschen Hund funktionierte dieser Begriff bei mir wie ein Schlüsselreiz. Augenblicklich lief das Wasser in meinen Handflächen zusammen. Meine von Aufregung geröteten Ohren hingen an den Lippen des Botschaftsüberbringers. Nur kein Detail verpassen. Alles könnte wichtig sein.

War es aber im Grunde nicht. Nach einer Stunde verließ ich das Glasbüro mit einer klaren Arbeitsanweisung: »Der Spot muss wie der Jever-Spot sein. Nur anders. Du machst das schon.«
Machte ich dann auch. Von meinem Lieblings CD war in den nächsten Tagen nicht viel zu sehen. Also brütete ich über Treatments, verwarf sie, änderte, wurde witzig, verwarf das, wurde seriös, heimatverbunden, echt, genussbetont. Ohne Staus, ohne Hektik, für ein anderes Bier.
Nachdem ich den Glasbürobewohner einige Tage später kurz vor dem entscheidenden Kundentermin beim Manschettenknopfpolieren antraf, überflog der flüchtig meine Manuskripte, nickte noch flüchtiger und eröffnete dann, dass ich alleine mit der Beratung die Spots beim Kunden vorstellen müsse. Das wurde ja immer besser. Also ab zum Vortanzen.
Und nur eine Woche später waren die Locationscouts in der Umgebung der Brauerei unterwegs, um den passenden Platz für den Dreh zu finden.
Aus der Flut an Showreels hatte ich mir meinen favorisierten Regisseur ausgewählt und besprach mit ihm die Einzelheiten für den Dreh. Mein viel beschäftigter Lieblings-CD war für derartige Gespräche viel zu beschäftigt und hatte mir inzwischen zu verstehen gegeben, dass der Kunde mit meiner Arbeit »superzufrieden« sei und ich solle einfach machen. Die Pre-production Meetings (kurz ppm, nicht zu verwechseln mit ppm für Post-production meetings) waren gerade in vollem Gange, da rief mich der Graf des Glasbüros zu sich. Er habe sich gestern Abend mit dem Kunden zum Essen getroffen und alles sei »supie«, aber das norddeutsche Wetter berge ja so gewisse Unsicherheiten, da ist Neuseeland ja viel konstanter, eigentlich sogar viel norddeutscher als Norddeutschland, die Models auch viel günstiger, und überhaupt das ganze Fleckchen Erde eine Reise wert.
Ja, warum auch nicht. Bislang kannte ich das Land zwar nur als Herberge für Schafe und Hobbits, aber weshalb nicht mal selbst dem Klischee des Werbers in aller Form entsprechen. Der Regisseur zeigte sich angetan und kannte natürlich direkt die passenden Locationscouts, die schon für Peter Jackson das Auenland gefunden hatten. So ging alles seinen Gang. Die Tickets waren gebucht. Noch drei Tage bis Ultimo.
Als ich gerade überlegte, ob ich mir wirklich Thrombosestrümpfe für den Flug anschaffen sollte, läutete mein Telefon.
Schon am Klingeln erkannte ich, wer dran war. Die Stimme meines Lieblings-CDs ertönte am anderen Ende. Fahrig wie selten suchte er nach Worten. Nachdem ich den Kauderwelschen Knoten entwirrt hatte, ahnte ich so ungefähr, was er wollte. Nur glauben wollte ich es nicht. Er habe noch einmal über alles nachgedacht. Bei so einer Sache erwarte der Kunde auf jeden Fall seine Anwesenheit. Auf diesen elend langen Flug habe er eigentlich überhaupt keine Lust. Aber das sei nun mal sein Job. Deshalb habe er mein Ticket auf sich umbuchen lassen.
Ich trinke auch viel lieber Wein.

Kreative Heimsuchung: der Freitagstexter (12.01.07)

Willkommen bei der wöchentlichen Freitagstexter-Show. Mit meiner Empathie für Schwarzwälder Dorfkultur habe ich mir den Sieg auf der „neuen Blogsuppe“ von verspult eingebrockt. Ich danke und freue mich auf die Trinkschokolade.

Alles geregelt

Regeln wie immer. Foto anschauen. Wirken lassen. Kreativ werden. Mit witzigen, zynischen, bedenklichen, überraschenden, tiefsinnigen, quergedachten, zündenden Über- und Unterschriften, Wendungen, Sätzen, Formulierungen. Beiträge aller Berufenen und Unberufenen sind willkommen bis Dienstagnacht. Am Mittwoch kürt Werbewund den Blog-Austräger des nächsten Freitagstexters und verschickt den

Supermegapreis

Die 1. Staffel von „Das Büro – Kompetenz gibt es woanders“ auf DVD – DER Höhepunkt deutscher TV-Serien-Kultur.

Das Bild des Anstoßes

Freitagstexter, 12.01.07
(Foto von Marika auf pixelquelle)

Die letzten Freitagstexter-Wettbewerbe


Hier bin ich Mensch. Hier darf ich … Oder?

Büro. Kollegen. Kaffeeküche, verdreckt. Ich bin wieder daheim! In meiner Lieblingsagentur.

Zwei Wochen Urlaub liegen hinter mir. Der Chef hatte ihn tatsächlich genehmigt. Ohne größere Diskussionen. Ich habe mich nur bereiterklären müssen, ohne Maulen an zehn Wochenenden in 2007 zu arbeiten und über die Tage erreichbar zu sein. UMTS-Card sei dank.

Schön war’s. Oben auf der Berghütte mit ausreichend Luxus. Eine Aussicht, von der ich hoffentlich noch lange zehre. Deftiges Essen. Gut, wenig Schnee, aber wer will denn schimpfen. Und das Beste: Unter den anderen Gästen war kein Werber oder auch nur jemand, der etwas mit Kommunikation zu tun gehabt hätte. Ich muss den Eingangssatz dieses Absatz korrigieren: So schön hätt’s sein können. Denn weil man sich ja sonst nichts zu erzählen hatte, die Allgemeinbildung zu wünschen übrig ließ und bekannte TV-Sendungen alsbald durchgenudelt waren, kam das Gespräch natürlich auf die Arbeit: „Und Du, womit verdienst Du so Deine Brötchen?“ Seltsam, in 90 % der Fälle lautet die Frage nach der Tätigkeit, der ich nachgehe, genau so.

Ich grummelte meine Antwort. „Entschuldige, was hast Du gesagt?“ Alle Ablenkungen führten zu nichts. Kurz überlegte ich, ob ich „Atomphysiker“ antworten sollte, blieb dann aber doch bei der Wahrheit. Ganz entgegen meines Arbeitsalltags. Und was jetzt kam, sträubt noch immer meine Nackenhaare.

Der Fragende stieß wie aus der Pistole geschossen vor: „Werbung? Das ist ja alles scheiße. Ich zappe ja immer weiter, wenn Werbung kommt. Und die Zeitschriften bestehen zur Hälfte ja nur noch aus diesem Mist.“ So weit, so gut. Und er fuhr fort: „Sich einfach so ein Bild ausdenken und drei Wörter dazu schreiben. Das kann doch jeder.“ Schlagartig waren meine Augen rot unterlaufen, ich ahnte schon, wie es weitergehen sollte. Und ich hatte Recht. Der Knaller setzte zum Finale an: „Also wenn ich nur zwei Wochen in der Werbung arbeite, so auf ein Praktikum oder so, dann zeige ich Euch allen mal, wo der Hammer hängt.“

Der Mann war Chirurg, zweifellos eine anspruchsvolle Herausforderung. Doch wie man schon meiner kurzen Gesprächswiedergabe entnehmen kann, seine sprachlichen Fähigkeiten müssten noch reifen. Er hat lange gelernt, bis er das Skalpell endlich ansetzen durfte. Und nun stand er dort, und behauptete, alles besser machen zu können als wir Werbedeppen. Ach, das tat so gut. Genau das, was ich noch gebraucht hatte. Am liebsten hätte ich selbst diverse chirurgische Instrumente an ihm ausprobiert.

Ja, wir machen alle nur einen Job. Und den haben wir gelernt, in der Praxis, unter Schweiß und Tränen und manchmal bis aufs Blute. Und ja, fast jeden Tag haben wir etwas zu meckern. Trotzdem trachten wir danach, unseren Job so gut wie möglich zu machen. Ehrenwort. Und weil soviel von uns darin steckt, sind wir auch ein kleines Bisschen stolz auf das, was wir tun. Klar, es ist moralisch verwerflich, manipulativ, menschenverachtend. Doch bei allem Understatement – diese kleinen Augenblicke, wo die richtige Idee genau den Punkt trifft und die Menschen sogar zum Lachen bringt, entschädigen für alles. Und es ist harte Arbeit, die eben nicht jeder tun kann.

Das habe ich dem Chirurgen natürlich nicht ins Ohr geflüstert. Stattdessen habe ich wortlos den Tisch verlassen und aus Versehen den Rotwein über sein gelacktes, überproportional ausgebildetes Selbstbewusstsein geschüttet.

>>>Nachtrag<<<

Eben das erste Meeting. Manöverkritik zu einer Aktion, die noch Ende des letzten Jahres stattgefunden hatte. CD und GF im Chor: „Da habt Ihr ja echt Scheiße gebaut. Da können wir ja gleich Friseusen einstellen. Die machen das garantiert besser.“