Wenn die Zeit nicht vergeht …

Die Uhr unseres Kreativdirektors (diese Schreibweise sieht besonders blöde aus) ist stehengeblieben. Jetzt müssen wir alle Überstunden machen.

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Der Kunde auf dem Agenturklo

Saubere Scheiben, frische Blumen, poliertes Metall, elegante Empfangsdame – natürlich tut meine Werbeagentur alles, damit sich unsere Kunden von Anfang an wohlfühlen. Ein schnieker Konferenzraum, volle Röhre Medienausstattung, Schnabelwässerndes und verbale Kotaus. Ja, denkt sich der gemeine Kunde da. Ist ja alles ganz toll hier. So wie die uns hier behandeln. Und dann all diese freundlichen Menschen, die vor der Glastür des Konfis vorbeischreiten. Oh, der Tee drückt meine Blase. Da frag ich doch gleich mal … ah hier … Hey, ich mache das Licht an und Musik ertönt. Hübsche Idee. Und alles so schön sauber hier. Ich glaube, ich werde mit dieser Agentur noch lange zusammenarbeiten.

KUNDE! Wenn Du wirklich wissen willst, welch geistig Kind eine Agentur ist, lasse Dich nicht mit dem abspeisen, was Dir vorgesetzt wird. Gehe zu Beratern in die Büros, wirf einen Blick auf das Arbeitsumfeld der Kreativen. Und das Wichtigste: Geh nicht auf die Kundentoilette, sondern auf das Mitarbeiterklo. Sieh Dich um. Alles sauber? Seife eingefüllt? Die Extra-Rolle Toilettenpapier? Und der Weg führte nicht an stinkenden Druckern vorbei? Dann ist ja gut. Ansonsten: Kündige die Zusammenarbeit. So wie die Agentur ihre Mitarbeiter behandelt, so denkt sie auch von ihren Kunden.

Der kreative Platzhirsch

So ein Familienoberhaupt weiß, was sich gehört. Wenn’s Futter gibt, darf erstmal der Platzhirsch dran. Das war schon immer so, das ist so und das wird immer so sein. Wer etwas anderes möchte, kann die Protestnoten auf dem Mars einreichen. Da kommen also die Besucher der Wildparks und sie bringen Äpfel, Nudeln und Haferflocken mit sich. Die süßen Mitglieder der Damwild-Familie nähern sich. Die Besucher freuen sich und sie halten den Tieren auf breiter Front das Futter entgegen. Denkste! Der Clan-Chef kann zwar nicht überall sein, aber verjagt trotzdem die anderen von der menschlichen Futterkrippe. Erst wenn er sich den Bauch vollgeschlagen hat, dürfen die anderen ran. Und was hat das alles mit Werbung zu tun?

In der Werbeagentur fällt viel Arbeit an. Und verdammt viel davon macht überhaupt keinen Spaß. Geburtstagskarten für wichtige Kunden, Faxe, technische Belehrungen, Sternchen-Texte, Produktinformationen etc. etc. Nur selten flattert ein Briefing ran, dass die kreativen Synapsen in Euphorie versetz. Erst nahen sich nur die Gerüchte – „der Kunde hat da ‚was in der Pipeline“ -, dann wird’s in Munde des Creative Directors Gewissheit: „Leute, wir machen die doppelseitige Imagekampagne – und wir haben alle Freiheiten.“ Das kreative Fußvolk schaut sich an. Die Augen glitzern. Doch was folgt, zernichtet alle Hoffnungen:

„Leider haben wir im Augenblick zu viel Tagesgeschäft für alle. Deshalb mach ich das. Wundert Euch also nicht, wenn ihr mich in den nächsten Tagen nicht seht. Ich ziehe mich auf meine Berghütte zurück und entwickle Ideen. Das wird bestimmt ganz toll.“

Mein CD, die Bazillenschleuder

Vor zwei Wochen hat es mich erwischt. Alles gutes Zureden half nicht mehr. Ich wollte einfach nur im Bett bleiben. Schnupfen. Halsschmerzen. Husten. Kopfschmerzen. Ohrenschmerzen. Nein, nein, nein, für einige Tage versagte ich der Agentur meine Mitarbeit. Blieb im Bett. Brütete. Wünschte mich hinweg. Und gesundete. Wie schön.

Eine triumphale Rückkehr. Alle freuten sich, mich wieder zu sehen. Das Leben kann so schön sein. In froher Erwartung eines enormösen E-Mail-Haufens durchschritt ich den agentürlichen Triumphbogen früher als vertraglich vorgesehen. Ich schmiss den Computer an, kochte frohen Mutes Kaffee und sichtete und sichtete und sichtete. Dann begrüßte mich mein Lieblings-CD.

Etwas verwaschen wirkte seine Stimme. Ich sah von meinem Monitor auf. Da stand ein Anblick, den ich kannte. Aus der letzten Woche, wenn ich mich zuweilen ins Bad gezwungen hatte. Verquollene Augen. Ein dicker Schal. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die Haare etwas angefettet. Man sah es auf Anhieb: ein Mensch mit Pflichtbewusstsein. Nach seiner Begrüßung lud er mich dann auch gleich ins nächste Meeting.

Da saßen wir alle in trauter Eintracht und nahmen das Briefing entgegen. Kann man Bazillen sehen? Ich jedenfall sah Welle um Welle der Aura meines Lieblings-CDs entströmen. Zakk, wurde der Kontakter überspült. Dann unterwusch es die Art Directorin. Der Kontakter sank tiefer in eine zukünftige Krankheit. Die Welle erreichte auch mich – doch hatte ein Einsehen, weil sie spürte, dass es mich schon erwischt hatte.

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Wir schreiben zwei Tage später. Meine Welt ist noch immer schön. Aber ich bin allein auf der Welt. Na gut, allein in der Agentur. Die Krankheit hat den CD dann doch ins Bett gezwungen. Und metaphorisch mit ihm auch meine Mitstreiter.

Jetzt mal ganz ehrlich. Wie blöd kann man denn sein? Soooo krank in die Agentur zu kommen – damit tut man sich selbst keinen Gefallen, außer dass man vielleicht ein paar Jahre früher stirbt. Aber muss man denn noch die anderen mit in den Untergang reißen – und ihre Familien. An den Pranger! Und keine Sorge – die Arbeit landet trotzdem pünktlich beim Kunden.

Stock und Hut steh’n ihm gut

Was ist eigentlich die tiefere Bedeutung von „Hänschen klein“? Müsste es nicht eher „Stöckchen“ heißen? Jedenfalls hat Ninifaye eins in meine Richtung geschmissen und ich hab’s auch brav gefangen. Sechs komische oder kuriose Dinge über mich soll ich schreiben. Buah. Selbsterkenntnis – gefährliche Sache.

  1. Ich kann mir keine Geburtstage zwischen dem 21. und 27. jeden Monats merken. Alle anderen: kein Problem.
  2. Kurz bevor mich der Schlaf überrennt, habe ich oft geniale Ideen für Bücher. Die Szenen spulen sich vor meinem inneren Auge ab. Pageturner, sage ich Euch. Handlungsstränge, die die Welt noch nicht gelesen hat. Krimis, raffinierter als alles von Wallander, Highsmith, Delane, Hill etc. zusammen. Liebesgeschichten, für die man sich noch drei Tränendrüsen wünscht. Gesellschaftsromane, die Minister zum Abtreten zwingen. Leider bin ich in der Regel zu müde, um noch aufzustehen und einige Stichwörter niederzuschreiben. Doch die Welt hat Glück gehabt. Manchmal habe ich mich überwunden – und morgens konnte ich alles noch einmal nachlesen. Anlässlich dieses Stöckchens schenke ich drei Plot-Ideen der Welt. Ihr könnt sie haben, sie zu Kunstwerken und Geld und beidem machen:
    – Kleiner Junge in Haus. Schrei.
    – Frau liebt Mann. Beide unglücklich.
    – Schlüsselroman Berlin. Umzug.
  3. Ich bin ein Stimmungskacker. Dementsprechend weit gespannt ist die Leseauswahl auf meinen Privattoiletten. Aktuell: Werwolf-Geschichten, Lyrik des Abendlandes, Kleines Arschloch, drei Wochen altes Spiegel-Magazin und italienische Kurzgeschichten.
  4. Wenn ich wirklich sauer bin, fange ich an zu knurren.
  5. Tiefe Traurigkeit übermannt mich, wenn mir jemand einen Tee anbietet und dann eine Tasse mit Beutel auf den Tisch kommt.
  6. Um mich vom bohrenden Schmerz beim Zahnarzt abzulenken, rechne ich das Siebener 1×1 nach. Ist 354 restlos durch 7 teilbar?

Weiter geht’s. Vera, kannst Du fangen?

Mein erstes Mal – mit Stöckchen

Vera hat ein Stöckchen in meine Richtung geschmissen. Da kann ich nicht zurückstehen und durchpflüge auf zufälligen Wegen meine musikalische Minimal-Auswahl auf dem Notebook. Die kompletten Spielregeln für das Stöckchen gibt’s hier.

Also dann – Schleusen auf!

Vorspann: A perfect circle – Rose
Jedenfalls ein Beginn mit Paukenschlag.

Aufwachen: Mahalia Jackson – Joy to the world
Das bringt mich auf eine Idee. Ich sollte meinen Wecker umprogrammieren.

Erster Schultag: Damills – Under my thumb
Ob das Comenius und Pestalozzi gerne hören? Ich spüre schon die Soundschwingungen von The Wall. Die Swing-Version des Stones-Klassikers schwächt die Botschaft nur ungenügend ab.

Verlieben: Ben Harper – Satisfied Mind
Auf dem Punkt. Jedenfalls was den Titel betrifft. Vielleicht sollte ich mich noch einmal in die Lyrics reinhören.

Das erste Mal: Peter Gabriel – Shock the monkey
Schmerzhafte Sache, das. Und ein direkter Verweis auf die Bäume, von denen wir kommen. Aus einer Zeit, als Tierexperimente noch en vogue waren. „Kind, was willste werden?“ – „Kosmetik-Erfinder.“

Kampflied: When I find my life – Marianne Faithful
Über diesen Zufall muss ich erst noch nachdenken.

Schluss machen: Pink Floyd – Young lust
In jedem Ende steckt ein neuer Start.

Abschlussball: Okean El’zy – Без бою
Schulterzucken. Passt das? Passt das nicht? Meine Ukrainisch-Kenntnisse werden es mir weisen. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass aus diesem Land weitaus bessere Musik kommt, als uns Ruslana beim European Song Contest vorgetanzt hat. Für weitere Hinweise stehe ich gerne zur Verfügung. Für Übersetzungen nicht.

Leben: Van Morrison – Good Morning Little Schoolgirl

Nervenzusammenbruch: Air – Kelly watch the Stars
Das wirkt. Danach verschwimmt der Zusammenbruch.

Auto fahren: Tori Amos – Silent all these years
OK. Wenn ich dazu Auto fahre, kracht’s garantiert. Aber schönes Lied für besinnliche Stunden.

Flashback: Pearl Jam – Immortality
Man steigt niemals in den selben Fluss, sprach Heraklit. Aber nass bleibt’s allemal.

Wieder zusammen kommen: Drink it in – Heather Nova
„I’m looking at you.“ – Auch, wenn man sich im höheren Auftrag dann doch wieder trennen muss.

Geburt des ersten Kindes: The Smiths – Sweet and tender Hooligan
Prima Aussichten.

Endkampf: Podcast – Productive Talk Comp.: Episodes 01-08 (enhanced AAC) von David Allan and Merlin Mann
Gröhlen ist erlaubt. Auch der Endkampf will ordentlich geplant sein – am besten mit Getting Things Done von David Allen. Wer will denn schon so ein Durcheinander, wie bei der HdR-Endschlacht? Jetzt ist dieser Podcast nicht mehr Teil meiner zufälligen Spielreihenfolge.

Todeszene: Caravan – Van Morrison

Beerdigungslied: Working class hero – Marianne Faithful
Ein Blick in unsere Zukunft.

Abspann: Depeche Mode – Waiting for the night
Eine gute Frage: Gibt es im Paradies eigentlich Tag und Nacht? Und wovon träumt man im Paradies? Woran glaubt man? Wir haben genug Zeit, darüber nachzudenken, während wir auf die Nacht warten.

Ach ja. Das Stöckchen werfe ich weiter zu Werbewunderland und Formsache – zur willkommenen Ablenkung vom Tagesgeschäft.

Kreativideen, die zu viele Väter haben

Es war einmal eine Kellnerin, die arbeitete in dem malerischen Südtiroler Ort Mals im Vinschgau mit knapp unter 5.000 Einwohnern – so meldete die FAS am 4. Februar 2007. Weil dort nicht so viel los war, kannte die junge Frau fast alle Mals-im-Vinschgauer persönlich. Das hatte Folgen. Sie bekam ein Kind und bat ihren Anwalt, alle möglichen Erzeuger zum DNA-Test zu laden. Darunter mehrere Lokalpolitiker und Unternehmer sowie die halbe Fußballmannschaft des Ortes.

Das Ergebnis ist noch nicht bekannt. Aber ich gehe fest davon aus, dass der entsprechene Herr höchst unerpicht auf darauf ist. Ganz anders in der Werbung. Kaum hat in unserer Branche eine Idee erfolgreich das Licht der Welt erblickt, stehen die möglichen und unmöglichen Väter Schlange. Jeder will sein Stück vom Ruhm. Die Namenslisten in den einschlägigen Organen sind kurz und sputen muss sich, wer seinen Namen gedruckt sehen und die Grundlage für die nächste Gehaltserhöhung legen will.

Teamwork ist schön und gut und richtig. Aber nicht jeder, der nur ein Komma entfernt oder die nächtliche Pizza angenommen hat, erwirbt sich damit das Recht an kreativer Teilhabe.

Mals im Vinschgau
Mals im Vinschgau