Das Klopstock-Syndrom

Kaum sind drei Monate vergangen, schon meldet sich der Kunde mit dem Feedback auf die letzten letzten Text“optimierungen“. Ob man die Korrekturen gleich – innerhalb von Stundenfrist – durchführen könnte. Natürlich, wir haben ja auch die letzten drei Monate lang nichts anderes getan, als auf genau diese Korrekturen zu warten. In der Zeit haben wir uns durch das Knabbern von Nudeln ernährt. Im PDF stapeln sich die Anmerkungen; ein gehöriger Anteil der gelben Zettelchen enthält Informationen, von denen wir noch niemals in unserem Leben gehört haben. Ja, das hätten wir doch ahnen können/müssen/sollen. Und dann schlägt das Klopstock-Syndrom zu. Kann sich jemand darunter etwas vorstellen? In Goethes „Leiden des jungen Werthers“ stehen der Titelheld und seine geliebte Charlotte während eines Fests am Fenster, bestaunen ein Naturschauspiel und der junge Mann raunt einfach nur: „Klopstock!“ Allein der Name evoziert die gesamte Schnulzwelt des empfindsamen Dichterfürsten. Charlottes und Werthers Herzen gleichen sogleich ihren Rhythmus aneinander an. Schwupps, sind die beiden ein Schmerz und eine Seele. Jetzt kommen wir zum Klopstock-Syndrom im feinen Geflecht von Agentur und Kunde. Der Kunde wirft ein Wort in ein Briefing hinein und erwartet, dass die armen Agenturhanseln sogleich erahnen, was damit gemeint ist. Im konkreten Fall lautete das Wort einfach nur „Action“. Kein Zusammenhang, kein Kontext, keine Konjekturmöglichkeit, weder Inter- noch Extrapolation – aber die völlige Entrüstung, dass man den Sinn nicht ergriffen hätte, wie das gemeinsame Gefühl Charlotte und Werther den zwei Silben des Dichternamens dahingewälzt hat.