Unser kleiner Dosenöffner

Das Neukundengeschäft wird bei uns ganz groß geschrieben. Wie die meisten Agenturen haben wir ein paar Großkunden, die 80 % des Umsatzes machen. Und wenn von denen einer geht, hagelt’s Kündigungen. Um für alle Fälle gewappnet zu sein und sich nicht den Vorwurf einzuhandeln, nicht vorausschauend zu denken, hat unsere Geschäftsführung einen Berater ganz auf die Akquise abgestellt. Da sitzt Axel nun tagaus tagein, telefoniert und kassiert Körbe. Aber das tut er elegant und penetrant, und deshalb gibt oft genug ein potenzieller Kunde nach und versucht’s mit uns.

Und jetzt ratet mal, welches abstruse Hobby der Kerl hat. Nein, er stürzt sich nicht auf unschuldige Praktikantinnen. Sondern er sammelt Dosenöffner. Und ist sich des Zusammenhangs zwischen seinem Hobby und seiner Arbeit noch nicht einmal bewusst. Letzte Woche hat er uns das erste Mal davon erzählt, und gestern brachte er doch tatsächlich einige Prunktstücke zum Mittagstisch mit:

Mit dem Schweizer Messer stimmte er uns ein. Dann den Wanderfreund, der die Dosen von innen aufschneidet. Drei verschiedene Designs mit Antriebsrad. Ein elegantes Gerät mit magnetischem Deckelhalter, der bei geöffneter Dose automatisch stoppt. Insgesamt brachte er uns 12-15 verschiedene Modelle mit, einige schmeichelten dem Auge, andere waren ein Design-Albtraum. Fehlte nur noch, dass er uns eine Auswahl seiner wandhängenden (und nach seinen Angaben auch installierten) Dosenöffner mitgebracht hätte.

Er führte und seine Auswahl mit Begeisterung und fahrigen Bewegungen vor. Und er kannte sich aus, dozierte über Blechstärken, chemikalische Verbindungen, Ansätze für die Zukunft, das Dosenpfand, die Gefahren des Dosenöffnens (scharfe Kanten), und er motzte über Heringsdosen mit integriertem Aufrollmechanismus. Eine glanzvolle Mittagspausen – und das Beispiel eines Menschen, der Privat- und Berufsleben perfekt in Einklang bringt.

Rauchende Colts

Mein Lieblings-CD ist Kettenraucher. Und alle Besprechungen hält er in seinem eigenen Büro ab. Man kann sich vorstellen, dass die Meetings sehr straff ablaufen. Länger als drei Zigarettenlängen dauert nur selten eines. Am Ende der letzten Woche schickte ich ihm diesen Link: Zigarettenrechner. Seitdem spricht der CD nicht mehr mit mir. Schämt er sich, straft er mich, fordert er mich bald zu einem Duell? Ach ja. Er befürwortet das neue Anti-Raucher-Gesetz. Ansonsten hält sich seine Schizophrenie in Grenzen.

Resteverwertung

Immer wieder lecker. Unser Lieblingskunde kommt in die Agentur, und natürlich werden Schnittchen gereicht. Wurst, Käse, Mett. Appetitlichkeiten halt. Allerdings hält der Kunde viel auf sich. Und er weiß, wie scheiße es aussieht, wenn man während einer Besprechung ein Mett-Zwiebel-Brötchen kaut. Also verzichtet er darauf.

Nach vier Stunden ist das Meeting zuende, der Kunde bricht auf, die Brötchenteller sind noch größtenteils unberührt (mein Lieblings-Berater konnte sich wieder nicht zurückhalten). Freudestrahlend startet unsere Sekretärin einen Rundruf: „Es ist noch etwas zu essen da. Bedient Euch!“ Kennt jemand etwas Schmackhafteres als angetrocknetes Mett? Und mein Respekt gegenüber der Bodenständigkeit unseres Kunden in Hinsicht auf die wallenden Düfte im Besprechungsraum.

Auf Nagel komm raus

Endlich ist wieder die normale Ruhe vor den Anstürmen des Kundenwahnsinns eingekehrt. Der letzte Termin für Einsendungen zum diesjährigen ADC ist verstrichen.

Die Sonderkommandos „Superidee“ haben sich in ihre eigenen Winde verstreut und Kontakter lecken die wundtelefonierten Finger. Die heiße Zeit des Jahres ist vorüber. Bis zum nächsten Mal. Und auch dann wird alles wieder genau so ablaufen, wie in den Jahren davor.

Gut sichtbar am Mast wird die Silbermünze angeschlagen; Trophäe für das Team, das es schafft. Das eine überragende Idee produziert. Die alle anderen schlägt. Der Jury preisverdächtig erscheint.
»Macht Euch frei. Seid völlig locker. Denkt in alle Richtungen. Aber geil muss es sein«, so die Anfeuerungsrufe des Lieblings-CDs, der schon seit Jahren danach lechzt, endlich aufs Podium gerufen zu werden.

Nachdem die ersten Wochen verstrichen sind, wird man feststellen, dass für die Lieblings-Kunden bereits alles gedacht wurde. Da ist die Luft raus. Also größer denken. Die geile Idee produzieren. Egal für wen.

Von der Aussicht getrieben, seine Kontakter ausnahmsweise Mal mit einer Idee losschicken zu können, zu der die Bedenkenträger nichts, aber auch gar nichts sagen dürfen, sondern die pure Idee an den passenden Kunden verkaufen müssen, hängen sich die Teams noch mehr rein. Das setzt Endorphine frei.

Kein Hunger. Keine Schmerzen. Körperfunktionen werden aufs Minimum reduziert. Alle Energie für den Blumenkohlklumpen unter der Schädeldecke.

Und immer wieder der Lieblings-CD, der gleich einem Vater in spe Fingernägel kauend die Kreißsaaltür öffnet und mit Fistelstimmchen fragt »Na, habt Ihr was?«

Irgendwann hat man dann. Die Idee ist da. Der Lieblings-CD hat sie nicht verstanden, doch das Endorphin macht dieses Waterloo erträglich. Und da die Zeit rennt, werden die Berater ausgesandt, die Frucht aus Entbehrung und Frust einem Unternehmer an die Backe zu reden, der schließlich einwilligt – nur um endlich Ruhe vor den Wadenbeißern aus der Agentur zu haben –, sein Logo und seinen Namen unter das Machwerk zu setzen.

Dann wird es eng. Der Einsendeschluss naht. Ein Printmedium muss gefunden werden, in dem der Beitrag für Werbers Weihrauchkelch noch rechtzeitig veröffentlicht wird. Die Bäckerblume oder eine Schülerzeitung werden es sein. Egal, Hauptsache einmal erschienen.

Auf der Anmeldung zum Wettbewerb werden die Namen der geistigen Mütter und Väter fehlen. Der Lieblings-CD und seine Buhlschaft stehen drauf. Hauptsache zur Party, zum wilden Wettonanieren.

Als Learning wird die GL wieder einmal erwägen, einen weiteren CD einzustellen. Einen, der im ADC-Gremium sitzt und neben den Regeln auch die Richtigen kennt.
Doch das nächste Jahr ist noch weit.

Leider kein Rot gesehen

Einer hatte die Idee. Andere sind drauf angesprungen. Und plötzlich waren fast alle dabei. Wir haben uns am Samstagabend in den Agenturräumen getroffen, um uns die Mondfinsternis anzuschauen. Und oh Wunder, es war kein Problem, an die Schlüssel zu kommen. Wir haben’s gemacht wie in alten Zeiten. Jeder hat ein bisschen was mitgebracht. Natürlich hatten wir zu viele Salate und zu viel Baguette. Aber gestört hat’s keinen. Ach ja. Alkohol spielte auch eine Rolle. Das lokale Bier, Gin Tonic und ein selbstkreierter Cocktail mit dem originellen Namen Dark Moon.

Ein netter Abend – so weit ich es überhören konnte, blieben Gespräche über Agenturinterna in der Minderzahl. Ab halb dreiundzwanzig traten wir dann alle gemeinsam auf die Terrasse, in Eintracht und fast wieder versucht, für die freie Liebe in die Bresche zu springen. Augen nach oben. Wir erwarteten, dass sich die Erde langsam zwischen Mond und Sonne schiebt. Und sahen … nichts. Zwischen uns und den Himmelszeichen standen die Wolken. Nur in der Zeit der totalen Mondfinsternis – für Datenfetischisten zwischen 23.44 und 0.58 Uhr – ahnten einige von uns einen rötlichen Schimmer. Ich bin der Meinung, da war nix. Aber gut.

Wohl aus Trauer über die entgangene Gelegenheit verkündete die Geschäftsführung, dass alle bis auf die Kernbesatzung am Montag zwei Stunden später zur Arbeit kommen können. Außer es wäre „projektmäßig“ etwas zu tun. Also: Bis Montag um 8.30 in der Agentur!

Abregende Ideen

Heute morgen schickte die Geschäftsführung eine E-Mail „an alle“: Pro Tasse Kaffee seien ab sofort 50 Cent zu berappen. Der Grund: Die Mitarbeiter würden einfach zu oft und zu lange Pausen in der Kaffeeküche machen. Sechs Stunden später kam wieder eine E-Mail: Die Anordnung von heute morgen sei wieder zurückgenommen. Gründe wurden nicht genannt.

Der Kunde auf dem Agenturklo

Saubere Scheiben, frische Blumen, poliertes Metall, elegante Empfangsdame – natürlich tut meine Werbeagentur alles, damit sich unsere Kunden von Anfang an wohlfühlen. Ein schnieker Konferenzraum, volle Röhre Medienausstattung, Schnabelwässerndes und verbale Kotaus. Ja, denkt sich der gemeine Kunde da. Ist ja alles ganz toll hier. So wie die uns hier behandeln. Und dann all diese freundlichen Menschen, die vor der Glastür des Konfis vorbeischreiten. Oh, der Tee drückt meine Blase. Da frag ich doch gleich mal … ah hier … Hey, ich mache das Licht an und Musik ertönt. Hübsche Idee. Und alles so schön sauber hier. Ich glaube, ich werde mit dieser Agentur noch lange zusammenarbeiten.

KUNDE! Wenn Du wirklich wissen willst, welch geistig Kind eine Agentur ist, lasse Dich nicht mit dem abspeisen, was Dir vorgesetzt wird. Gehe zu Beratern in die Büros, wirf einen Blick auf das Arbeitsumfeld der Kreativen. Und das Wichtigste: Geh nicht auf die Kundentoilette, sondern auf das Mitarbeiterklo. Sieh Dich um. Alles sauber? Seife eingefüllt? Die Extra-Rolle Toilettenpapier? Und der Weg führte nicht an stinkenden Druckern vorbei? Dann ist ja gut. Ansonsten: Kündige die Zusammenarbeit. So wie die Agentur ihre Mitarbeiter behandelt, so denkt sie auch von ihren Kunden.