Meinung aus dem Morgenmantel

Ein auf morgens 7:30 h angesetztes Meeting verheißt, neben einigen seltsam von nur halb verscheuchtem Schlaf entstellten Gesichtern, in der Regel nicht viel Gutes.
Es dauerte auch entsprechend lange, bis ich jemanden fand, der zu wissen glaubte, was der ganze Zirkus zu dieser nachtschlafenden Zeit eigentlich sollte. Von diesem Moment an spielten alle Anwesenden im Konferenzraum stille Post. Wobei es einen Unterschied zum Original gab – am Ende kam genau das an, was vorne rein gegeben wurde.
Und genau das wurde dann auch von höchster Stelle bestätigt, als die Flüsterrunde gerade durch war. Es ging mal wieder um unseren Lieblingskunden. Eigentlich hatten wir in den letzten Monaten nur für ihn gearbeitet. Wenn alle wirklich ehrlich zu sich selbst gewesen wären, hätte man sich sogar darauf geeinigt, dass es im Grunde auch nur ein Projekt war, an dem wir die gesamten Monate gearbeitet hatten.
Da das mit der Ehrlichkeit in unserer Branche jedoch per se so eine Sache ist, wurde also nicht darüber gesprochen, dass inzwischen das dritte Kreativteam an diesem so wichtigen Job gesessen hatte. Welch immens staatstragender Job das ist? Nun, es geht dabei um ein CLP. Ja, ein City-Light-Poster. Ein Motiv. Keine Serie von etwa zwölf an der Zahl. Auch keine deutschlandweit oder gar noch international in den größten Publikumszeitschriften erscheinende Anzeigenserie, sondern ein CLP-Motiv für den Einsatz in Nielsen VII. Na klar ist das wichtig. Jeder Job unseres Lieblingskunden ist wichtig. Genau so wichtig ist aber auch, dass die Jobs vernünftig bezahlt werden. Und daran wurden die Zweifel allmählich immer lauter – wenn man die Kollegen in einer schwachen Stunde beim Bier am Tresen traf.

Aber seit gestern waren wir auf dem richtigen Weg. Das insgesamt neunte CLP-Motiv würde es sein. Da waren sich alle ganz sicher. Bisher hatten zwar alle Motive die Klippe in Person des Marketingchefs genommen, doch dann kamen ja erst die Stromschnellen in dem Unternehmen unseres Lieblingskunden. Da gab es den Vertriebschef, die Produktionsleitung, den Vorstand, selbstverständlich den Inhaber selbst und noch die hauseigene Marktforschung. Irgendwo zwischen ihnen waren die alten Motive alle aufgerieben worden.
Doch unser neuntes Motiv hatte sie alle längst umschifft, mit Bravour gemeistert, souverän hinter sich gelassen, durch Klasse geschlagen. Es gab da lediglich noch den Vorstandsvorsitzenden. Ein Herr mittleren Alters. Pragmatisch. Kalkulierbar. Schnell in seinen Entscheidungen. Gestern Abend hatte er als Letzter das Motiv bekommen. So wie es aussah, war er ein Freund der schnellen Entscheidungen, oder er hatte schlichtweg, wie die meisten von uns, die Nase voll und wollte die ganze Angelegenheit zum Abschluss bringen. Mein Lieblingschef drückte eine Taste des Konferenztelefons in der Mitte des Tisches und begrüßte sein Gegenüber. Wir starrten alle wie gebannt diesen ufogleichen Telefonstern an, aus dem die noch hörbar verschleimte Stimme des Vorstandsvorsitzenden in uns drang. Blabla schönes Motiv, blabla passt zur Marke, blabla intelligente Idee. Das ging runter wie Honigwein. Doch was war das? Hatte er gerade »aber« gesagt? Ja, hatte er. Und es ging noch weiter. »Ich habe dieses Motiv heute Morgen meiner Frau gezeigt, und ihr gefiel es nicht, weil …« KRACK – Voll auf die Klippe gesetzt. Auch das neunte Motiv gesunken. Gescheitert an der Gattin. Hausfrauentests sind so tückisch.

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Kleiner Mann ganz groß

Gerade hat mein Lieblings-Art-Director mein liebreizendes, kleines Büro mit Panorama-Blick verlassen. Bei einer Tasse Tee hat er mir sein Herz ausgeschüttet. Natürlich nicht sein privates, sondern sein agenturielles.

Vor einigen Dutzend Minuten ereilte ihn der Anruf meines Lieblings-Creative-Direktors mit der Bitte um sofortiges Erscheinen. Immer ein großes Vergnügen für meinen Lieblings-Art-Director, denn er ist Nichtraucher und der Lieblings-CD Doppelketten-Raucher. Natürlich fand das Treffen im verrauchten Büro statt.

Dort erwarteten ihn selbstredend der CD und außerdem der langgediente Senior-Art-Direktor. Beide brüteten über Layouts für unseren Lieblingskunden. Anzeigen, Poster, klein, groß, 4C und Schwarz-Weiß, jeweils in fünf oder sechs verschiedenen Ideen. Mein Lieblings-Art-Director guckte fragend. Der CD lud ihn ein, sich auf einen der vollgesmogten Stühle unbequemer Bauart zu setzen. Dann klopfte er mit dem Finger auf ein weißes Blatt Papier, das dräuend auf dem Tisch lag. Hernach verließ er den Raum mit einem Lächeln und dem Satz: „Ihr beiden kriegt das schon hin.“

Mein Lieblings-Art-Director guckte jetzt nicht mehr erstaunt, sondern belämmert. Blickkontakt mit dem Senior, Schulterzucken, Kopf schütteln. Dann nahm er das Blatt vom Tisch und drehte es verlegen um. Oh, da hatte er CD ihm ja mit seiner unnachahmlich schönen Schrift eine Nachricht hinterlassen. Hätte er das Blatt doch dort gelassen, wo es war. Das Schicksal, es schlug zu.

Und das war es, was dort geschrieben stand: „Hallo N.N. Die Entwürfe des Seniors sind alle scheiße. Mach ihm das bitte klar und sag ihm, wie er es machen soll. Wir beide sprechen später drüber.“