Dabeisein ist alles

Natürlich hat das Agenturleben auch seine heiteren Momente. Die Kaffeeküchen-Gespräche. Das gemeinsame Lästern über die Großmuftis. Wärme und Behaglichkeit. Auch die Shootings gehören dazu. Schon die Ankündigung eines Termins erhellt die Gemüter. Und zwar querbeet durch alle Fraktionen. Da schallt es über die Flure „Südafrika“ und „Giselle“, wer genau hinhört, vernimmt sogar ein fröhlich dahin gewispertes „Leibowitz“.

Zugegeben, da schwimmen sich Hoffnungen frei. Südafrika ist Herne, Giselle halb Model, halb Hausfrau, eigentlich heißt sie Gisela, und „die Leibowitz“ ist unser Haus-und-Hof-Fotograf. Ist aber alles nicht schlimm. Shooting ist Shooting, und Shooting ist schön. Bis …

Schlaffen Schrittes schlurft der Berater unseres Lieblingskundens und Shooting-Auftraggebers über den Flur, eine gefällte Trauerweide. Mit hohler Stimme flüstert er. Keiner versteht ihn. Dann nimmt er all seine Kraft zusammen: „Der Kunde will mitkommen.“

„Nein!“ Markerschütternd durchhallt der Schrei des betreuenden Art Direktors die Etage. Dann Stille. Nachdem wir dem AD mit dem Defibrillator wieder auf die Beine gebracht haben, öffnen sich seine Heulschleusen. Womit er das verdient hätte, er habe doch gerade erst gebeichtet und seine Sünden seien ihm vergeben worden und er kenne Leute, die das regeln könnten, gegen kleines Taschengeld, es müssten ja keine schlimmen Verletzungen seien, nur gerade so, dass unser Lieblingskunde für ein paar Tage im Krankenhaus liegen müsste, natürlich die richtigen Tage. Wir anderen versuchten, unserer Frustration in der agentürlichen Selbsthilfegruppe Herr zu werden, mit Agenturaufstellung nach Bernd Helling und Schaumstoffschlägern. Außerdem diskutieren wir, ob wir nicht doch dem Vorschlag des ADs folgen sollten. Doch es hilft alles nichts, der Kunde ist mit dabei.

Natürlich kam alles noch schlimmer, als wir befürchteten. Professionell wie eine Spreegurke, mischte sich unser Lieblingskunde in alles ein. Er legte letzte Hand an die Frisur des Models, machte der Visagistin Alternativ-Vorschläge für die Wimperntusche, hatte aus eigenen Schränken das richtige Outfit mitgebracht und dippte die Catering-Brötchen in Knoblauch-Sauce. Unseren Fotografen versuchte er zu überzeugen, dass jede Handykamera einer professionellen Spiegelreflexkamera weit überlegen sei. Er rückte das Model ins richtige Licht und zerbrach dabei nur zwei Scheinwerfer. In der Nacht zuvor hatte er sich noch überlegt, dass die beschlossenen Motive doch nicht die wahren seien. Er hätte einige Skizzen mitgebracht, so sollte man es machen. Der D-Day war kürzer.

Gerade eben überbrachte uns der Berater die Nachricht, der Kunde sei der Meinung, wir hätten das Shooting vergeigt. Alles auf Anfang. Auf unsere Kosten.