»Hören Sie mal!«

Ich liebe Funkspots. Nur auf einen menschlichen Sinn zu zielen und damit Impulse auszulösen, hat schon etwas hochgradig Herausforderndes.
Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich selbst ein auditiver Mensch bin. Gehörtes bleibt mir wesentlich besser im Gedächtnis als Gesehenes. Zudem hat es seinen speziellen Reiz, innerhalb einer sehr knapp bemessenen zeitlichen Grenze, eine Story mit merkfähigem und merkwürdigem Charakter zu entwickeln und im Idealfall Figuren zu etablieren, die ihr ganz eigenes Leben in den Lautsprechern führen. Kurz und gut, Funkspots sind meine große kleine Leidenschaft, meine Oase in der Alltagswüste, der Toberaum des großen Jungen, das Zitronencreme-Bällchen auf dem Kosakenzipfel.
Darüber hinaus gehören Funkspots zu den effektivsten Werbeformen und sind im Vergleich unschlagbar günstig; vor allem vor dem Hintergrund diverser Kooperationsformen, die heutzutage von Radiosendern angeboten werden. Dennoch fristet der Kurzfilm des Kopfkinos ein Schattendasein im Garten des Werbeformen Repertoires. Umso mehr freut es mich, wenn sich einer unserer Lieblingskunden dazu durchringen kann, mit uns den Weg in ein Tonstudio zu beschreiten und einen Funkspot produzieren lassen will.

Da jubelt die Schreiberseele. Doch im gleichen Augenblick wird ihr der Knebel tief in den Rachen gedrückt; das Ideal wird von vornherein beschnitten. Der Lieblingskunde denkt an einen 20-Sekünder. Na gut, das Gelbe vom Ei wären schon eher die 30’’, aber auch mit zehn Sekunden weniger, lässt sich noch viel machen. Hingegen macht die Mater, die vom Kunden als Messlatte vorgegeben wird, Mut und Lust auf mehr. Als Benchmark nennt er einen Imagespot für einen Regenschirmhersteller, dessen Name an einen kleinen Jungen erinnert. Zu hören sind zunächst die ersten Takte von Gene Kellys „Singing in the rain“. Dann beginnt Mr. Kelly zu singen »I’m singing in the …« KLICK – das leise und typische Geräusch dieses sich auf Knopfdruck aufspannenden Regenschirms lässt den Titel und Mr. Kelly verstummen. Der Off-Sprecher sagt dann nur noch den Namen des Herstellers. MEHR NICHT. Das ist mein Spot. Simpel, schnell, auf den Punkt, mit wenig Erklärungsgelaber. Dass dieser Spot augenscheinlich für den Wettbewerb geschrieben wurde, bei dem er natürlich auch punktete, und danach nie wieder im Werbeblock eines Senders gelaufen ist, thematisieren wir jetzt lieber nicht. Seien wir einfach froh über den seltenen Umstand, dass der Lieblingskunde etwas Feines haben möchte und machen uns ans Werk.
Vier Tage und acht Spotideen später, sehen wir uns in kleiner Runde wieder.

»Vielleicht lese ich ihn einfach noch mal vor!«, versuche ich den Lieblingsspot der Agentur zu retten, der auf der anderen Seite aber auch so überhaupt gar nicht ankommt und verstanden wird. Da dies jedoch auf Ablehnung stößt, wir alle gute Dienstleister sind und der Kunde ohnehin die Alternativen bevorzugt, verschwindet eine weitere schöne Idee in den Weiten der Ablage „P“. Doch kein Grund zur Traurigkeit. Schließlich mochte der Lieblingskunde ja die Alternative. Das ist doch was. Wir machen den Funkspot. Juchhu. Allerdings, so das Gegenüber mit dem Gesicht, das danach aussieht, als habe es noch niemals gelacht, gäbe es da noch einige Ergänzungen zu berücksichtigen. Unbedingt müsse die Firmenadresse genannt werden. Und das Ganze wäre doch die Chance, die Öffnungszeiten des Werksverkaufs zu kommunizieren. Es hätte ihn auch gewundert, dass die Wörter „Genuss“ und „Tradition“ nicht vorkommen würden – schließlich wüssten wir um diese Kernbegriffe des Unternehmens. Die müssten also unbedingt noch rein.
Wann genau, kann ich nicht mehr sagen; aber es gab einen Moment, zu dem ich mich aus diesem Gespräch ausgeblendet habe. Ich kehrte erst wieder in meinen Körper zurück, als das Sprachrohr des Lieblingskunden meinte, auf den Einsatz eines professionellen Sprechers könne man verzichten. Frau Dingens aus der Buchhaltung habe eine glockenhelle Stimme. Wie geschaffen fürs Radio. Und so würde man ja auch Geld sparen.
Obwohl ich die Antwort bereits kannte, stellte ich dennoch die Frage, ob die zeitliche Vorgabe von 20’’ sich denn auch nach oben verändern würde? Natürlich nicht, wie konnte ich nur …
Nachdem es tatsächlich gelungen war, alle gewünschten Informationen innerhalb des Zeitrasters unterzubringen, fand die „Produktion“ des 20-Sekünders – Spot kann und will ich ihn nicht nennen – im Heimstudio eines Wochenend-DJs statt. Der Ehemann der Buchhalterin Frau Dingens hatte diesen Kontakt vermittelt. Auf die Anwesenheit eines Agenturmitarbeiters während der Aufnahmen wurde, unter dem Hinweis auf das Kostenargument, gänzlich verzichtet.
Naja, so kann es gehen. Abhaken und weitermachen. Schließlich hat der andere Lieblingskunde gestern seine Absicht bekundet, einen völlig abgedrehten, aufmerksamkeitsstarken und lustigen Funkspot machen zu wollen.
Hm, ich liebe Funkspots.

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