Aufs tote Pferd gesetzt

Gerade eben kam Cheffe rein. Wir hätten endlich den Fuß in der Tür bei unserem nächsten Großkunden, wir hätten ihn eigentlich sicher. Ja, dachten wir, klasse Nachricht. Wir müssten nur noch … hier sank unsere Laune. … nur noch bis Montag drei Kampagnenideen entwickeln, mit allem, was dazu gehört. Und nur, wenn wir das alles brillant schafften, die anderen Sachen für Montag dürften nicht darunter leiden, dann hätten wir den Kunden, wenn er dann noch den Vertrag unterschriebe.

Jetzt frage ich mich 1., wie sicher wir diesen Kunden wirklich haben. Und 2. ist das sowieso nicht schaffbar. Also warum sollte ich mir dafür das Wochenende verderben. Gerade weil mir noch die folgende Geschichte einfiel:
Eine Weisheit der Dakota-Indianer sagt: „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“

Doch im Berufsleben versuchen wir oft anderer Strategien, nach denen wir in dieser Situation handeln:

Wir besorgen eine stärkere Peitsche.
Wir wechseln die Reiter.
Wir sagen:“So haben wir das Pferd doch immer geritten.“
Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.
Wir bilden eine Task Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.
Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu lernen.
Wir stellen Vergleiche unterschiedlich toter Pferde an.
Wir ändern die Kriterien, die besagen, ob ein Pferd tot ist.
Wir kaufen Leute von außerhalb ein, um das tote Pferd zu reiten.
Wir schirren mehrere tote Pferde zusammen, damit sie schneller werden.
Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, dass man es nicht noch schlagen könnte.“
Wir machen zusätzliche Mittel locker, um die Leistung des Pferdes zu erhöhen.
Wir machen eine Studie, um zu sehen, ob es billigere Berater gibt.
Wir kaufen etwas zu, das tote Pferde schneller laufen lässt.
Wir erklären, dass unser Pferd „besser, schneller und billiger“ tot ist.
Wir bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.
Wir überarbeiten die Leistungsbedingungen für tote Pferde.
Wir richten eine unabhängige Kostenstelle für tote Pferde ein. 

Bitte gebt mir den Gnadenschuss!

Auf Nagel komm raus

Endlich ist wieder die normale Ruhe vor den Anstürmen des Kundenwahnsinns eingekehrt. Der letzte Termin für Einsendungen zum diesjährigen ADC ist verstrichen.

Die Sonderkommandos „Superidee“ haben sich in ihre eigenen Winde verstreut und Kontakter lecken die wundtelefonierten Finger. Die heiße Zeit des Jahres ist vorüber. Bis zum nächsten Mal. Und auch dann wird alles wieder genau so ablaufen, wie in den Jahren davor.

Gut sichtbar am Mast wird die Silbermünze angeschlagen; Trophäe für das Team, das es schafft. Das eine überragende Idee produziert. Die alle anderen schlägt. Der Jury preisverdächtig erscheint.
»Macht Euch frei. Seid völlig locker. Denkt in alle Richtungen. Aber geil muss es sein«, so die Anfeuerungsrufe des Lieblings-CDs, der schon seit Jahren danach lechzt, endlich aufs Podium gerufen zu werden.

Nachdem die ersten Wochen verstrichen sind, wird man feststellen, dass für die Lieblings-Kunden bereits alles gedacht wurde. Da ist die Luft raus. Also größer denken. Die geile Idee produzieren. Egal für wen.

Von der Aussicht getrieben, seine Kontakter ausnahmsweise Mal mit einer Idee losschicken zu können, zu der die Bedenkenträger nichts, aber auch gar nichts sagen dürfen, sondern die pure Idee an den passenden Kunden verkaufen müssen, hängen sich die Teams noch mehr rein. Das setzt Endorphine frei.

Kein Hunger. Keine Schmerzen. Körperfunktionen werden aufs Minimum reduziert. Alle Energie für den Blumenkohlklumpen unter der Schädeldecke.

Und immer wieder der Lieblings-CD, der gleich einem Vater in spe Fingernägel kauend die Kreißsaaltür öffnet und mit Fistelstimmchen fragt »Na, habt Ihr was?«

Irgendwann hat man dann. Die Idee ist da. Der Lieblings-CD hat sie nicht verstanden, doch das Endorphin macht dieses Waterloo erträglich. Und da die Zeit rennt, werden die Berater ausgesandt, die Frucht aus Entbehrung und Frust einem Unternehmer an die Backe zu reden, der schließlich einwilligt – nur um endlich Ruhe vor den Wadenbeißern aus der Agentur zu haben –, sein Logo und seinen Namen unter das Machwerk zu setzen.

Dann wird es eng. Der Einsendeschluss naht. Ein Printmedium muss gefunden werden, in dem der Beitrag für Werbers Weihrauchkelch noch rechtzeitig veröffentlicht wird. Die Bäckerblume oder eine Schülerzeitung werden es sein. Egal, Hauptsache einmal erschienen.

Auf der Anmeldung zum Wettbewerb werden die Namen der geistigen Mütter und Väter fehlen. Der Lieblings-CD und seine Buhlschaft stehen drauf. Hauptsache zur Party, zum wilden Wettonanieren.

Als Learning wird die GL wieder einmal erwägen, einen weiteren CD einzustellen. Einen, der im ADC-Gremium sitzt und neben den Regeln auch die Richtigen kennt.
Doch das nächste Jahr ist noch weit.

Morgenstund, Gold und Mund

Wann ist der beste Termin für wichtige, interne Besprechungen? Genau. Montagmorgen. Zeitgleich mit dem offiziellen Arbeitsbeginn.

Denn die Woche zuvor herrschte ja ein heiteres Gewusel bis spätabends in der Agentur. Und weil man ja nicht nur ein Leben führen möchte zwischen Arbeitsstelle und Daheim, ging man kurz vor Kneipenschluss noch gemeinsam mit den Kollegen einen heben. Die eigenen Freunde treffen sich ja wochentags nach 23 Uhr so ungern mit uns. Und weil wir so treue Seelen sind, verabreden wir uns auch am Wochenende mit Beratern, Grafiker, Textern, Media-Fachleuten in den liebgewonnenen Räumen der Agentur. Schließlich kann man samstags und sonntags ja endlich mal etwas wegschaffen.

Die Geschäftsführung, ja die Geschäftsführung kann persönlich nicht anwesend sein. Die Familie, ja, die Tante, ja, 80-Jähriges, ja, wir würden doch verstehen, ja. Aber wir könnten ja am Montagmorgen darüber sprechen, ja, bevor das Tagesgeschäft überhand nimmt, ja, am besten gleich morgens um neun, ja, aber bitte nicht zu spät kommen, ja, der nächste Termin sei schon um 10.