Wir haben einen Scheißjob

Das Leben ist doch gar nicht so übel. Immer wenn man meint, es könnte nicht schlimmer kommen, erfährt man, dass es anderen noch schlechter geht. Heute hat die Produktion den Schwarzen Peter gezogen. Und ich glaube fast, der bleibt an den Mitwirkenden kleben. Aber von Anfang an …

Wie alle Chefs der Welt ist auch der unsere auf die wichtigten Tageszeitungen abonniert. Die Welt hat gestern einen Artikel veröffentlicht, auf den er sofort angesprungen ist. Ein, zwei, drei Studierende haben eine Studie durchgeführt:

In einem Krankenhaus haben sie das Toilettenpapier mit Hygienehinweisen bedruckt – vulgo „Wasch Dir die Hände, nachdem Du pissen und kacken warst“. Das half. Die Hygiene in entsprechenden Krankenhäusern stieg.

Ja, da könnte man doch, dachte der Chef. Und jetzt muss die Produktion. Sich Gedanken machen. Bei welcher Premiummarke im Toilettenpapierbereich könnten wir uns jetzt die Agenturtoiletten-Toilettenpapierrollen bedrucken lassen. Mit Motivationssprüchen. Damit die Arbeit leichter von der Hand ginge.

Wenn ich so recht darüber nachdenke, trifft es nicht nur die Produktion schlimm. Der Text darf sich die Sprüche ausdenken – „Immer saubere Arbeit abliefern, das macht den Kunden glücklich“. Und die Grafik darf Klopapier gestalten. Das ist ja gleich was für die Mappe.

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Kündigung aus der Konserve

Mensch, manchmal bietet sich doch ein Fluchtweg. Auf Knopfdruck. Auf dieser Internet-Seite gibt es vorgefertigte Kündigungen – und das schon seit Jahren. Natürlich Job, aber daneben auch Telefon, Wohnung und Versicherung. Einfach nur die wichtigsten Daten eintragen, und den Rest regelt das Web. Wie praktisch, um kurzfristigen Frust ebenso temporär abzubauen. Ach ja, ich kenne drei, die diese Dienstleistung erfolgreich am letzten Freitag genutzt haben. Sie brauchen jetzt nur noch ihre Zeit abzusitzen.

Ulli Kiebitz
Hauptstraße 12
10000 Hauptstadt Telefax:
EMail : Ulli.Kiebitz@haumichraus.de

10000 Hauptstadt, den 2.4.2007

Werbeagentur
Personalabteilung
Arbeitgeberstraße 12
10001 Hauptstadtzentrum

Kündigung meines Arbeitsvertrages
Personalnummer: 666

Guten Tag!

hiermit kündige ich meinen oben genannten Vertrag zum 31.3.2007
oder zum nächstmöglichen Zeitpunkt.

Bitte erstellen Sie mir ein qualifiziertes Arbeitszeugnis, das Sie
mir mit meinen restlichen Arbeitsunterlagen aushändigen. Wegen meines
Resturlaubes melde ich mich in den nächsten Tagen bei Ihnen

Bestätigen Sie mir bitte kurz schriftlich den Kündigungstermin. Gerne auch
per Fax oder eMail. Meine Adresse entnehmen Sie bitte dem Briefkopf.

Viele Grüße

– Ulli Kiebitz –

Aufs tote Pferd gesetzt

Gerade eben kam Cheffe rein. Wir hätten endlich den Fuß in der Tür bei unserem nächsten Großkunden, wir hätten ihn eigentlich sicher. Ja, dachten wir, klasse Nachricht. Wir müssten nur noch … hier sank unsere Laune. … nur noch bis Montag drei Kampagnenideen entwickeln, mit allem, was dazu gehört. Und nur, wenn wir das alles brillant schafften, die anderen Sachen für Montag dürften nicht darunter leiden, dann hätten wir den Kunden, wenn er dann noch den Vertrag unterschriebe.

Jetzt frage ich mich 1., wie sicher wir diesen Kunden wirklich haben. Und 2. ist das sowieso nicht schaffbar. Also warum sollte ich mir dafür das Wochenende verderben. Gerade weil mir noch die folgende Geschichte einfiel:
Eine Weisheit der Dakota-Indianer sagt: „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“

Doch im Berufsleben versuchen wir oft anderer Strategien, nach denen wir in dieser Situation handeln:

Wir besorgen eine stärkere Peitsche.
Wir wechseln die Reiter.
Wir sagen:“So haben wir das Pferd doch immer geritten.“
Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.
Wir bilden eine Task Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.
Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu lernen.
Wir stellen Vergleiche unterschiedlich toter Pferde an.
Wir ändern die Kriterien, die besagen, ob ein Pferd tot ist.
Wir kaufen Leute von außerhalb ein, um das tote Pferd zu reiten.
Wir schirren mehrere tote Pferde zusammen, damit sie schneller werden.
Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, dass man es nicht noch schlagen könnte.“
Wir machen zusätzliche Mittel locker, um die Leistung des Pferdes zu erhöhen.
Wir machen eine Studie, um zu sehen, ob es billigere Berater gibt.
Wir kaufen etwas zu, das tote Pferde schneller laufen lässt.
Wir erklären, dass unser Pferd „besser, schneller und billiger“ tot ist.
Wir bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.
Wir überarbeiten die Leistungsbedingungen für tote Pferde.
Wir richten eine unabhängige Kostenstelle für tote Pferde ein. 

Bitte gebt mir den Gnadenschuss!

Unser kleiner Dosenöffner

Das Neukundengeschäft wird bei uns ganz groß geschrieben. Wie die meisten Agenturen haben wir ein paar Großkunden, die 80 % des Umsatzes machen. Und wenn von denen einer geht, hagelt’s Kündigungen. Um für alle Fälle gewappnet zu sein und sich nicht den Vorwurf einzuhandeln, nicht vorausschauend zu denken, hat unsere Geschäftsführung einen Berater ganz auf die Akquise abgestellt. Da sitzt Axel nun tagaus tagein, telefoniert und kassiert Körbe. Aber das tut er elegant und penetrant, und deshalb gibt oft genug ein potenzieller Kunde nach und versucht’s mit uns.

Und jetzt ratet mal, welches abstruse Hobby der Kerl hat. Nein, er stürzt sich nicht auf unschuldige Praktikantinnen. Sondern er sammelt Dosenöffner. Und ist sich des Zusammenhangs zwischen seinem Hobby und seiner Arbeit noch nicht einmal bewusst. Letzte Woche hat er uns das erste Mal davon erzählt, und gestern brachte er doch tatsächlich einige Prunktstücke zum Mittagstisch mit:

Mit dem Schweizer Messer stimmte er uns ein. Dann den Wanderfreund, der die Dosen von innen aufschneidet. Drei verschiedene Designs mit Antriebsrad. Ein elegantes Gerät mit magnetischem Deckelhalter, der bei geöffneter Dose automatisch stoppt. Insgesamt brachte er uns 12-15 verschiedene Modelle mit, einige schmeichelten dem Auge, andere waren ein Design-Albtraum. Fehlte nur noch, dass er uns eine Auswahl seiner wandhängenden (und nach seinen Angaben auch installierten) Dosenöffner mitgebracht hätte.

Er führte und seine Auswahl mit Begeisterung und fahrigen Bewegungen vor. Und er kannte sich aus, dozierte über Blechstärken, chemikalische Verbindungen, Ansätze für die Zukunft, das Dosenpfand, die Gefahren des Dosenöffnens (scharfe Kanten), und er motzte über Heringsdosen mit integriertem Aufrollmechanismus. Eine glanzvolle Mittagspausen – und das Beispiel eines Menschen, der Privat- und Berufsleben perfekt in Einklang bringt.

Rauchende Colts

Mein Lieblings-CD ist Kettenraucher. Und alle Besprechungen hält er in seinem eigenen Büro ab. Man kann sich vorstellen, dass die Meetings sehr straff ablaufen. Länger als drei Zigarettenlängen dauert nur selten eines. Am Ende der letzten Woche schickte ich ihm diesen Link: Zigarettenrechner. Seitdem spricht der CD nicht mehr mit mir. Schämt er sich, straft er mich, fordert er mich bald zu einem Duell? Ach ja. Er befürwortet das neue Anti-Raucher-Gesetz. Ansonsten hält sich seine Schizophrenie in Grenzen.

Resteverwertung

Immer wieder lecker. Unser Lieblingskunde kommt in die Agentur, und natürlich werden Schnittchen gereicht. Wurst, Käse, Mett. Appetitlichkeiten halt. Allerdings hält der Kunde viel auf sich. Und er weiß, wie scheiße es aussieht, wenn man während einer Besprechung ein Mett-Zwiebel-Brötchen kaut. Also verzichtet er darauf.

Nach vier Stunden ist das Meeting zuende, der Kunde bricht auf, die Brötchenteller sind noch größtenteils unberührt (mein Lieblings-Berater konnte sich wieder nicht zurückhalten). Freudestrahlend startet unsere Sekretärin einen Rundruf: „Es ist noch etwas zu essen da. Bedient Euch!“ Kennt jemand etwas Schmackhafteres als angetrocknetes Mett? Und mein Respekt gegenüber der Bodenständigkeit unseres Kunden in Hinsicht auf die wallenden Düfte im Besprechungsraum.

Auf Nagel komm raus

Endlich ist wieder die normale Ruhe vor den Anstürmen des Kundenwahnsinns eingekehrt. Der letzte Termin für Einsendungen zum diesjährigen ADC ist verstrichen.

Die Sonderkommandos „Superidee“ haben sich in ihre eigenen Winde verstreut und Kontakter lecken die wundtelefonierten Finger. Die heiße Zeit des Jahres ist vorüber. Bis zum nächsten Mal. Und auch dann wird alles wieder genau so ablaufen, wie in den Jahren davor.

Gut sichtbar am Mast wird die Silbermünze angeschlagen; Trophäe für das Team, das es schafft. Das eine überragende Idee produziert. Die alle anderen schlägt. Der Jury preisverdächtig erscheint.
»Macht Euch frei. Seid völlig locker. Denkt in alle Richtungen. Aber geil muss es sein«, so die Anfeuerungsrufe des Lieblings-CDs, der schon seit Jahren danach lechzt, endlich aufs Podium gerufen zu werden.

Nachdem die ersten Wochen verstrichen sind, wird man feststellen, dass für die Lieblings-Kunden bereits alles gedacht wurde. Da ist die Luft raus. Also größer denken. Die geile Idee produzieren. Egal für wen.

Von der Aussicht getrieben, seine Kontakter ausnahmsweise Mal mit einer Idee losschicken zu können, zu der die Bedenkenträger nichts, aber auch gar nichts sagen dürfen, sondern die pure Idee an den passenden Kunden verkaufen müssen, hängen sich die Teams noch mehr rein. Das setzt Endorphine frei.

Kein Hunger. Keine Schmerzen. Körperfunktionen werden aufs Minimum reduziert. Alle Energie für den Blumenkohlklumpen unter der Schädeldecke.

Und immer wieder der Lieblings-CD, der gleich einem Vater in spe Fingernägel kauend die Kreißsaaltür öffnet und mit Fistelstimmchen fragt »Na, habt Ihr was?«

Irgendwann hat man dann. Die Idee ist da. Der Lieblings-CD hat sie nicht verstanden, doch das Endorphin macht dieses Waterloo erträglich. Und da die Zeit rennt, werden die Berater ausgesandt, die Frucht aus Entbehrung und Frust einem Unternehmer an die Backe zu reden, der schließlich einwilligt – nur um endlich Ruhe vor den Wadenbeißern aus der Agentur zu haben –, sein Logo und seinen Namen unter das Machwerk zu setzen.

Dann wird es eng. Der Einsendeschluss naht. Ein Printmedium muss gefunden werden, in dem der Beitrag für Werbers Weihrauchkelch noch rechtzeitig veröffentlicht wird. Die Bäckerblume oder eine Schülerzeitung werden es sein. Egal, Hauptsache einmal erschienen.

Auf der Anmeldung zum Wettbewerb werden die Namen der geistigen Mütter und Väter fehlen. Der Lieblings-CD und seine Buhlschaft stehen drauf. Hauptsache zur Party, zum wilden Wettonanieren.

Als Learning wird die GL wieder einmal erwägen, einen weiteren CD einzustellen. Einen, der im ADC-Gremium sitzt und neben den Regeln auch die Richtigen kennt.
Doch das nächste Jahr ist noch weit.